Als Ursachen gelten fünf sich gegenseitig verstärkende Faktoren: intensive Landnutzung, Ressourcenabbau, Klimawandel, Umweltverschmutzung und invasive Arten.
Bei der Ursachensuche machen es sich viele allerdings deutlich einfacher als die Wissenschaftler: Für sie ist schnell der Landwirt als Hauptverdächtiger ausgemacht – er überdüngt Felder, spritzt Pflanzen & Insekten tot und kümmert sich angeblich um nichts außerhalb seiner Ackerfurche.
Dass das nicht der Realität entspricht, wollten wir, mehrere Jagdkameraden der Jägerschaft Casekow, gemeinsam mit Landwirten beweisen und starteten 2022 einen bis heute laufenden „Feldversuch“ zur Erhöhung der Artenvielfalt auf intensiv genutzten Ackerflächen.
Unser Ziel: rentabler Marktfruchtanbau bei gleichzeitig stabilem und steigendem Niederwildbesatz. Unser dafür entwickeltes Hegekonzept ruht auf drei Säulen:
- Vor „Schöner Wohnen“ kommt nicht gefressen werden – also aktives Prädatorenmanagement
- Geeignete Lebensräume schaffen
- Zufütterung in äsungsknapper Zeit
Von Fall(e) zu Fall(e)
Diese Reihenfolge war kein Zufall. Ein Hauptgrund für schwache Niederwildbesätze sind bekanntlich ausufernde Raubwildbestände in den Revieren. Seit 2008 gilt Deutschland als tollwutfrei – erfreulich für uns, noch erfreulicher für den Fuchs, dessen Bestand seither spürbar zugenommen hat.
Hinzu kommt die rasante Ausbreitung von Neozoen wie Marderhund und vor allem Waschbär. Weit über 80 % aller Gelege und Junghasen fallen Prädatoren zum Opfer.
Wie hoch die tatsächlichen Waschbärbesätze sind, zeigt sich erst bei intensiver Fallenjagd. Im Blumberger Revier wurden auf 400 ha im Vorjahr gerade einmal drei Kleinbären vom Ansitz aus erlegt – im ersten Jahr mit systematischem Fallenfang betrug die Strecke über 70 Stück. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass man allein mit Ansitzjagd das tatsächliche Ausmaß kaum erfassen und noch weniger dem Problem Herr werden kann.
Dass dennoch zu wenige Jäger konsequent Fallenjagd betreiben, verwundert nur auf den ersten Blick: hohe Anschaffungskosten, erheblicher Zeitaufwand für die tägliche Kontrolle und kaum Erlöse oder Prämien für Raubwild – da erscheint die Jagd auf Sauen und Hirsche deutlich attraktiver.
Wir haben uns trotzdem entschieden, umfangreich in Fallen und Fangmelder zu investieren, was schnell mehrere Tausend Euro kostete. Ergänzend wurde auch die Bejagung mit der Kugel intensiviert, insbesondere beim Fuchs.
In den Projektrevieren Casekow, Luckow/Wartin und Blumberg konnten so in den letzten vier Jahren auf rund 4.700 ha etwa 1.400 Stück Raubwild erlegt werden.
Büsche, Brut und Beetle Banks
Um das Niederwild zu fördern, sind neben dem unablässigen Prädatorenmanagement geeignete Habitate und Rückzugsräume entscheidend, vor allem zur Brut- und Setzzeit und im Winter.
Hervorzuheben ist hier die vorbildliche Rolle des Blumberger Landwirts Patrick Martin, der uns aktiv dabei unterstützte, auf seinen Flächen zahlreiche Wildäcker, Maisstreifen und sogenannte Beetle Banks mosaikartig anzulegen.
Das zeigt exemplarisch, ohne die Landwirte kann Niederwildhege keine Früchte tragen. Apropos Früchte tragen: Die zweimal jährlich im Revier Blumberg durchgeführten Hasenzählungen belegen den Erfolg. 2022 wurden fünf Hasen auf 100 ha gezählt, 2025 waren es 25 – und damit das Fünffache!
Das beweist, kleinstrukturierte, extensiv genutzte Flächen sind für den Niederwildbesatz von zentraler Bedeutung. Aber auch der Schwarzbrache kommt eine wichtige Rolle zu: Feldhühner nutzen sie zum Hudern und zur Insektensuche, der Hase zum Trockenlaufen nach Regenfällen.
Feldhasen und Fasane nutzen deutlich kleinere Reviere als Rot- und Schwarzwild. Deshalb sind solche mosaikartigen Extensivflächen bedeutend. Hier finden sie in der Nähe sowohl Schutz als auch ausreichend Nahrung.
Gerade in den ersten Tagen nach dem Schlupf sind Vogelküken auf tierisches Eiweiß angewiesen. Das heißt, junge Rebhühner brauchen Insekten satt, entsprechend wichtig ist das große Krabbeln in ihrer unmittelbaren Nähe.
Leider erschwert die Bürokratie in Deutschland und der EU es vielen Landwirten, solche Flächen wildfreundlich zu bewirtschaften und in Agrarförderprogramme einzubinden – ein Papierkrieg, gegen den selbst ein Waschbär harmlos wirkt und in dessen Folge entscheidende Rückzugsräume gar nicht erst angelegt werden.
Dabei ist die Rechnung doch so simpel: mehr Artenvielfalt, mehr Bestäuber, mehr Pflanzenwachstum, mehr gespeichertes CO₂.
Deshalb sollten sich die Verantwortlichen dringend fragen: Was ist wichtiger? Ein funktionierendes Ökosystem oder noch mehr Formulare?
Zurück zur Sache
Nun wieder zu unserem Tun. Da wir in den Revieren geeignete Lebensräume geschaffen haben und das Raubwild auf ein erträgliches Maß reduzieren konnten, war jetzt der nächste Schritt möglich: die Wiederansiedlung des Rebhuhns.
Gemeinsam mit der Rebhuhn-Schutzstation in Pritzwalk haben wir dieses Jahr begonnen, die ersten Feldhühner auszuwildern. Zuvor hatten wir uns dort für den Bezug von Jungvögeln beworben und dafür nachgewiesen, dass Habitate und Raubwildstrecke den Anforderungen genügen.
Nach einem Ortstermin durch Stationsleiterin Christiane Müller wurden unsere Reviere in Blumberg, Casekow und Luckow dann für geeignet befunden.
Im März folgte die Rebhuhnkartierung, deren Ergebnisse an das Thünen-Institut in Eberswalde übermittelt wurden. Dabei wird auf festgelegten Wegstrecken, sogenannten Transekten, der Ruf des Hahnes abgespielt; anwesende Rebhühner reagieren typischerweise mit Rückruf oder Anflug.
In keinem unserer Reviere konnte dabei jedoch noch Federwild verhört werden – der Bestand musste also vollständig neu aufgebaut werden.
Im August zogen dafür die ersten neun Jungvögel in unsere Auswilderungsvoliere ein und verblieben dort vier Wochen zur Eingewöhnung. Mitte September war es dann so weit. Ihr großer Auftritt stand an und wir öffneten die Tür für die Auswilderung.
Rund 45 Minuten später hatten alle Rebhühner vorsichtig die Voliere verlassen und erkundeten neugierig die große Freiheit. Die Voliere stand übrigens gleich an einer Beetle Bank mit ausgeprägter Saumstruktur. Auch auf größtmöglichen Abstand zu Habichtwarten hatten wir geachtet. Es herrschte höchste Sicherstufe.
Jetzt hoffen wir, dass die Rebhühner gut durch den Winter kommen und im nächsten März möglicherweise bereits der erste Rebhahn bei uns zu vernehmen ist.
Zudem ist geplant, mindestens je zwei Elternpaare in Blumberg und Casekow zu halten, um 2027 den ersten eigenen Nachwuchs aufzuziehen, um im Herbst gleich vier Ketten auszuwildern.
Natürlich im engen Austausch mit den Weidgenossen aus Pritzwalk und Umgebung.

Weidmannsheil!
Sebastian Schultz


















